friblog - die ganze Wahrheit
Damit verabschieden wir uns auch von unseren Leserinnen und Lesern und danken herzlich für das Interesse! Herr Müller, Sie können wieder ruhig schlafen!
„Wir sind der Zorro der Uni-Medien“
EIN INTERVIEW VON MATTHIAS RAAFLAUB
Für Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät war ein täglicher Besuch auf dem friblog Pflicht. Regelmässig verulkten da ein paar anonyme Medienstudierende den Uni-Alltag mit allem, was dazu-, oder eben nicht hingehört: Wirtschaftstheoretiker Heinrich Bortis singt dem berühmten Ökonomen John Maynard Keynes ein Ständchen, Professoren präsentieren (ungewollt) ihren „Streetstyle“, und die Rubrik „Schöner Wohnen“ zeigt die Häuser der Dozierenden vom Satelliten aus. Nicht alle sind ob dem Blog „amused“. Verständlich, dass die Macher anonym bleiben – und auch bei „Spectrum“ keine Ausnahme machen. Das Resultat: ungewöhnlich. Ein Interview im Chatroom.
Der friblog hat für viel Gesprächsstoff gesorgt. Ende September nun ist Schluss. Warum?
Einerseits neigt sich unser Studium dem Ende zu, anderseits war immer immer klar, dass friblog kein langfristiges Projekt sein wird – man sieht ja, wie es etwa bei TV Total herauskommt, wenn man die Dinge forciert.
Ist euch die Lust am bloggen ausgegangen?
Wenn man nicht mehr in den Vorlesungen sitzt, fehlt der Bezug zum Uni-Leben – und es ist nicht zu unterschätzen, wie aufwändig der Blog-Unterhalt ist.
Ein Nachfolgeteam zu suchen, ist das keine Perspektive?
Doch, das ist tatsächlich eine Option. Interessenten können sich nach wie vor bei uns melden. Allerdings bekommen wir – nicht wie die AGEF-Funktionäre – keine Sitzungsgelder und Spesengarantien. Ausserdem wissen wir nicht, ob wir jemanden finden könnten, der die Gratwanderung zwischen satirisch und „spiessig-provinziell“ meistern würde, wie unser Stil einmal genannt wurde. Auch ein gewisses sprachliches Niveau ist uns wichtig!
Kommt da etwa ein friblog-Ethos durch?
Absolut.
Ihr seid also doch nicht so blutrünstig, wie man meinen könnte?
Wir haben einen journalistischen Jagdtrieb. Aber wir wollen ja niemanden fertig machen.
Einen Kodex haben wir nur betreffend unserem Persönlichkeitsschutz, also etwa, wie wir uns in kritischen Situationen verhalten sollen.
Bis jetzt waren eure Jagdgründe vor allem in Pérolles II. Wieso nicht auch die Miséricorde einfangen?
Wir erhielten mehrfach Aufforderungen, auch andere Fakultäten abzudecken – insbesondere die juristische; dort scheinen noch einige Hunde begraben. Aber dazu hatten wir leider keine Kapazitäten. Die zweite Hälfte der Nacht sollte man auch noch etwas schlafen!
Aber wenn das jetzt das Ende des friblog ist, wäre es auch nicht schlimm. Er war ein medienwissenschaftliches Experiment.
Verwendet ihr ihn etwa für eine BA-Arbeit?
Schön wärs, wenn wir uns fürs Studium so Mühe gegeben hätten wie für den Blog. Im Ernst: Das war nie ein Thema – denn welcher Professor würde schon ein solches Experiment betreuen?
Tatsache scheint, dass friblog gewachsen ist: von einer Idee zu einer wahren Institution an der Uni. Wie seht ihr den friblog heute?
Wir sind sowas wie der Zorro der Uni-Medien – die Anonymität ermöglicht, Dinge zu schreiben, die wir sonst kaum publizieren könnten. Die vielen Anregungen aus der Leserschaft haben auch gezeigt, dass ein Bedürfnis existiert! Aber wir wollen uns auch nicht überschätzen: Denn primär war friblog ein Spass-Projekt. Und kein Mittel, um die Welt zu verändern.
Ihr habt friblog nie als eine demokratische Institution verstanden?
Es gab redaktionsintern verschiedene Paradigmen. Die Spannweite zwischen Satire und konstruktiver Kritik war bei uns sehr breit.
Nun ists eher weit auf der satirischen Seite gelandet...
Wir hatten schon immer einen Hang zum Boulevardesken.
Und was meint der Flügel der konstruktiven Kritik?
Ursprünglich gingen wir von einem reinen Klatsch- und Tratsch-Medium aus – unsere politische Ader meldete sich dann aber doch zu Wort, wenn es Missstände zu beklagen gab. Der friblog schaffte eine Gegenöffentlichkeit.
Aber geliebt hat man euch von offizieller Stelle deshalb nicht, oder?
Von offiziellen Stellen haben wir nie direkt etwas gehört. Vor allem ein Sozialforscher hat sich Uni-intern darum bemüht, Schritte gegen uns einzuleiten ...und irgendwer wollte auch mal auf uns schiessen ;-)
Wie waren die Reaktionen auf die geschaffene Gegenöffentlichkeit?
Positiv von den Studierenden, ignorierend vom Lehrkörper her ...ausser von Herrn Bortis! Stellungnahmen von anderen Professoren erhielten wir nur über die Medien.
Herr Bortis hat geschrieben, dass wir in „Schöner Wohnen“ seine alte Adresse erwischt hatten, und dass er eher ein Wanderer denn ein Fahrradfahrer sei, wie er einmal karikiert wurde.
Er nahm es mit Humor?
Ja, mit gesundem Humor. Interessant ist, dass wir den friblog weder bei Assistenten noch bei Professoren beworben haben – und er sich doch wie ein Lauffeuer verbreitete.
Das ist wie mit dem „Blick“ im Bundeshaus. Da muss man schauen, ob man drin ist...
Genau. Wir entschuldigen uns an dieser Stelle auch bei den Professoren, die enttäuscht sind, dass sie nie bei uns erwähnt wurden!
Und jetzt zu denen, die euch tot sehen wollen.
Moment, das ist etwas heftig formuliert. Trotzdem: Der wohlig-warme Mantel der Anonymität gibt uns eine gewisse Sicherheit, keine Repressionen zu erfahren. Die Gründe für die Missstimmung uns gegenüber sind verschiedener Natur. Das reicht von reiner Neugier bis zu falschen Eitelkeiten.
„Reiner Neugier“?
Einige fanden die Beiträge über sie lustig, wollten aber wissen, wer dahintersteckt.
Doch einmal habt ihr der AGEF Budgetkosmetik vorgeworfen. Ist es nie zu Anklagedrohungen gekommen?
Vorneweg: Die Geschichte stimmt nach wie vor. Aber da man einen Blog nicht verklagen kann, waren der AGEF die Hände gebunden.
Der Blog läuft über einen Server in den USA, so kann man euch gerichtlich nicht belasten. Habt ihr daran schon seit Anfang an gedacht?
Der eigentliche Grund für die Domain „friblog.blog.com“ war, dass ein Fribourger Zahnarzt „friblog.ch“ bereits reserviert hatte. Tatsächlich aber gibt uns der US-Server heute ein gewisses Sicherheitsgefühl.
Weshalb besteht ihr eigentlich auf Anonymität? Immerhin könntet ihr im Rahmen der Meinungsfreiheit und angewandtem Medienrecht, dass ihr ja kennen werdet, mit Namen operieren.
Wir bleiben lieber anonym. Im Internet-Zeitalter kann einem so eine „Jugendsünde“ den Lebenslauf vermiesen. Ausserdem wäre es ja kaum zu verhindern gewesen, dass es von Seiten des Lehrkörpers Ressentiments gegeben hätte – Medienrecht hin oder her.
Ihr meint, schlechtere Prüfungen für Friblogger?
Vielleicht eine kritischere Bewertung einer Seminararbeit...
Wie seid ihr eigentlich auf die Idee friblog gekommen? Eine Bieridee?
Nein, Bier war hier nicht im Spiel! Primär haben wir eine Plattform für unser satirisch-kreatives Potenzial gesucht. Denn viele der Pointen sind bereits im Laufe unserer früheren Semester entstanden.
Obwohl die Idee eigentlich nahe liegt, seid ihr die ersten in der Schweiz. Sogar die Deutschen staunen über den „Alpenblog“...
Darauf sind wir ein bisschen stolz. Auch wenn wir im Vergleich mit den Google- oder StudiVZ-Gründern nicht viel verdient haben. Genaugenommen hat uns das Hosting Geld gekostet. Als wegen „Spiegel Online“ tausende Besucher kamen, mussten wir sogar zusätzliche Bandbreite einkaufen.
Blickt ihr zufrieden auf euer Schaffen zurück?
Ja, die Resonanz hat unsere Erwartungen übertroffen – die studentische sowie die mediale.
Soviel Ruhm, und wir können an WG-Partys nicht einmal damit angeben...
Tja, vielleicht gibt es einmal ein anonymes Denkmal vor Pérolles II... Oder ein friblog-Auditorium...
Gute Idee. Wenigstens eine dieser vielen Putzkammern könnte man nach uns benennen.






